Anwendung der Berliner PPV

Idealerweise sollte die Berliner PPV überhaupt nicht angewandt werden. Sie ist eine Waffe für die höchste Not. Die Berliner PPV kann wirkungsvoll in einer der folgenden zwei Situationen eingesetzt werden:

  • Wenn euch eine Zwangsbehandlung droht.
  • Wenn ihr einen längeren (Wochen, Monate oder länger) richterlichen Beschluss erhalten habt oder damit bedroht werdet.

Die Berliner PPV ist eine Kommt-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte. Sie ist so entworfen, dass es mit ihr keinen legalen Weg geben sollte, euch gegen euren Willen länger als ein paar Tage in einer Klinik oder Einrichtung zu behalten, wenn ihr es wirklich darauf anlegt, herauszukommen. Im Umkehrschluss kann man euch natürlich noch illegal oder nur für zwei oder drei Tage festsetzen.

Die Anwendung ist denkbar einfach: Ihr ladet euch die Berliner PPV herunter und füllt sie aus.

Es ist im Anschluss sehr empfehlenswert die Patientenverfügung bei einer Psychiaterin “qualifizieren” zu lassen, d.h. von einer Fachärztin bescheinigen zu lassen, dass ihr einwilligungsfähig seid (auf Seite 3 der Berliner PPV ist ein möglicher Vordruck). Wenn ihr ohnehin schon eine Psychiaterin habt, könnt ihr sie direkt fragen. Dies wird allerdings nicht von der Krankenkasse bezahlt, also müsst ihr das Geld dafür selbst aufbringen (eine Autorin schätzt die Kosten auf etwa 80 €).

Dieses Qualifizieren ist nicht vom Gesetz direkt vorgeschrieben, aber je nach eurer Situation sehr ratsam. Wenn ihr gerade berufstätig und nicht unmittelbar in Gefahr seid, gekrallt zu werden, könnt ihr vermutlich auch darauf verzichten; je länger ihr die Berliner PPV mit euch herumgetragen habt, während ihr einem relativ “bürgerlichen” Leben nachgegangen seid, umso unwahrscheinlicher ist es, dass ihr an keinem Zeitpunkt einwilligungsfähig gewesen seid. Wenn ihr allerdings ohnehin schon verrentet oder in einer Klinik seid, oder unter Betreuung steht oder euch in einem Betreuungsverfahren befindet, ist es unbedingt nötig, sich diese Bescheinigung zu holen. Ich habe auch ein paar Tipps, wenn ihr Schwierigkeiten habt, sie zu bekommen.

Zuletzt müsst ihr noch sicherstellen, dass ihr die Berliner PPV im Notfall immer zur Verfügung habt. Das Original muss unbedingt an einen sicheren Ort bei euch zu Hause. Für unterwegs braucht ihr eine Kopie, auf die ihr zurückgreifen könnt. Ihr könnt euch entweder eine Kopie machen und in den Geldbeutel legen, oder die Patientenverfügung mit einem Scanner oder Handy digitalisieren und im Internet oder auf dem Handy speichern. Mir gefällt die Idee einer Referenzkarte, die man sich in den Geldbeutel legen kann, ganz gut.


Wenn ihr aus irgendwelchen Gründen in eine Klinik oder Einrichtung wollt oder müsst, solltet ihr natürlich nicht sofort mit der Patientenverfügung herumwedeln. Solange ihr gerade eine Behandlung wollt, und die Rahmenbedingungen (Handy, Ausgang,…) dort, wo ihr seid, nicht eine zu große Zumutung sind, solltet ihr sicherlich versuchen, euch mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Mir persönlich ginge es so, dass ich, solange ich weiß, ich kann im Prinzip wieder raus, wie ich will, viel mehr ertragen könnte, als wenn das nicht der Fall ist. Wenn ihr euch entscheidet, zu gehen, dann solltet ihr auf jeden Fall auch zunächst das übliche Prozedere durchlaufen: Um Entlassung gegen ärztlichen Rat bitten, glaubhaft von akuter Suizidalität distanzieren, wenn das verweigert wird, auf die Richterin warten und bei ihr euren Fall vortragen. Erst, wenn das alles nicht funktioniert, solltet ihr auf eure Patientenverfügung hinweisen.

Ein Wort zur Warnung:

Die Berliner PPV ist, im Gegensatz zu beispielsweise einer Behandlungsvereinbarung, keine Methode, eine zukünftige therapeutische Beziehung positiv mitzugestalten. Sie ist eine Methode, eine therapeutische Beziehung anzuzünden und niederzubrennen.

Sobald ihr die Berliner PPV herausholt, gibt es – nach allem was ich herausfinden konnte – wie gesagt, keine legale Methode euch länger in der Klinik zu behalten. Was die Klinik natürlich (halbwegs legal) machen kann, ist zu entscheiden, dass sie unter diesen Umständen in Zukunft nicht mit euch arbeiten können, da ihr so ein zu großes Haftungsrisiko darstellt. Wenn ihr nur eine erreichbare Klinik habt und auf diese angewiesen seid, könnte das ein Problem für euch werden; das solltet ihr euch vorher überlegen.

Hier wären die grundsätzlichen Vorgehensmöglichkeiten mit der Berliner PPV als Diagramm:

(für Vollbild klicken)

Also, sobald es zu einer Zurückhaltung / Unterbringung kommt, bittet ihr um Kenntnisnahme eurer Patientenverfügung (weshalb ihr eine Kopie oder eine digitale Version zugänglich haben solltet). Dann droht ihr, bis zu eurer Freilassung in den trockenen Hungerstreik zu gehen. Wenn sie euch dann nicht gehen lassen, dann führt ihr das durch. Die Klinik hat an diesem Punkt dann genau zwei Möglichkeiten:

  • Sie lassen euch raus, oder
  • sie geben euch zwangsweise Flüssigkeit.

Letzteres ist so offensichtlich illegal, dass ihr mit sehr großer Erfolgswahrscheinlichkeit dagegen klagen könnt. Es würde sich um einen so glasklaren Fall handeln, dass ihr, wenn ihr euch keine Anwältin leisten könnt, selbstverständlich Prozesskostenhilfe beantragen könnt. Sollte es wirklich zu einer solchen Verletzung der PPV kommen, wäre dies sicherlich eine sehr unangenehme Erfahrung; ihr solltet aber bedenken, dass ihr bei einer illegalen Zwangsbehandlung Tausende, wenn nicht Zehntausende an Euro Schadensersatz von der Klinik bekommen könnt (mal ganz davon abgesehen, dass nach einem solchen Prozess in eurem ganzen Leben keine Klinik mehr so etwas mit euch versuchen würde).

Wenn ihr im Prinzip in die Klink wollt, aber Angst vor einer Zwangsbehandlung habt, ist die Situation sogar noch viel einfacher: Die Berliner PPV macht eine Zwangsbehandlung rechtlich praktisch unmöglich (einzige mögliche Ausnahme wäre es, wenn ihr – in einigen Bundesländern – in der Klinik Leute angreift oder zündelt).

Und das ist, was man mit der Berliner PPV erreichen kann: Ihr müsst ein einziges Mal eine Psychiaterin davon überzeugen, dass ihr wisst, was ihr tut, und habt dann für den Rest eures Lebens die rechtlichen Einschränkungen, die einer mit einer ernsthaften psychiatrischen Diagnose anhängen, größtenteils praktisch aufgehoben.

Für Fragen und Probleme geht es hier weiter.