Fachmeinung

Radiance

…wach, ansprechbar, bewusstseinsklar, in Auffassung opB, kein Hinweis auf inhaltliche Denkstörungen.

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7 Antworten

  1. Susa sagt:

    Ich habe mal ein längeres Gutachten gelesen, worin der Autor der Meinung war, der einzige Weg eine Unterbringung zu verhindern sei, wenn man in der Patientenverfügung äußert, dass man an einem Suizidversuch sterben will.

    Es war glaube ich in der Fachzeitschrift “Psychiatrische Praxis”, Thieme Verlag, ich müsste aber wohl länger suchen, den Artikel wieder zu finden.

    Eventuell war es auch eine Fachzeitschrift zum Thema Betreuung und Betreuungsrechtliches.

    Wie gesagt, ich weiß es nicht mehr genau und müsste mich wohl auf längere Recherche machen, das wieder zu finden.

    Mit dem Thema Suizidalität deckt man aber nur eine Art der Eigengefährdungs-Begründungen ab. Mit Eigengefährdung begründete Zwangseinweisungen haben ziemlich oft keine Suizidalität zum Thema.

    Es ist z.B. das Recht von körperlich Kranken, trotz ihres größeren Ertrinkungsrisikos trotzdem schwimmen zu gehen wenn sie nun mal gerne baden und das trotz ihres Zustandes tun wollen. Diese Kranken dürfen sich aufgrund ihrer Erkrankung selbst gefährden. Es erschließt sich eigentlich nicht, wieso psychisch Kranke das verwehrt werden sollte.

    Nebenbei möchte ich auch noch darauf hinweisen, dass es durchaus Fremdgefährdung im Zusammenhang mit körperlicher Krankheit gibt. Zum Beispiel wenn jemand eigentlich aufgrund seines körperlichen Zustandes nicht mehr fahrtüchtig ist und es trotzdem tut.

    Aus einem solchen Verhalten wird die Befugnis zu Zwangsmaßnahmen (z.B. Führerscheinentzug oder Beschlagnahme des Autos) abgeleitet, eventuell auch zu drastischen bis hin zu Freiheitsentzug. Es ist mir aber nicht bekannt, dass daraus eine Befugnis zur zwangsweisen Behandlung der Krankheit abgeleitet würde. Wie oben erwähnt, Eigengefährdung aufgrund von körperlicher Krankheit wird weitgehend unter die allgemeine Handlungsfreiheit fallend angesehen.

    Auch Raucher und Leute, die Abfahrtsski fahren gehen, nehmen das Recht auf Eigengefährdung für sich in Anspruch.

    Ein weiterer Fall von Fremdgefährdung aufgrund körperlicher Krankheit ist Ansteckungsgefahr. Da gibt es das Bundesinfektionsschutzgesetz, das zwangsweise Quarantäne zulässt und auch einige wenig invasive zwangsweise Untersuchungen auf Ansteckungsgefahr. Aber es verbietet ausdrücklich eine zwangsweise Heilbehandlung. (§ 28 Infektionsschutzgesetz “Eine Heilbehandlung darf nicht angeordnet werden.”)

    Mit Fremdgefährdung begründete Zwangsmaßnahmen (z.B. Platzverweise, Beschlagnahme von Fahrzeugen oder Gegenständen, etc.) bis hin zum Polizeigewahrsam sind übrigens absolut nichts psychiatrie-spezielles. Es muss eher die Frage gestellt werden, wie kommt man darauf, in einem solchen Fall einen Psychiater oder Psychologen hinzuzuziehen, insbesondere gegen den Willen des Betroffenen? Und natürlich müssen bzw. sollten die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit und Geeignetheit eingehalten werden.
    Auf den Wunsch des Betroffenen einen Psychiater oder Psychologen zu holen, dagegen ist natürlich nichts einzuwenden, im Gegenteil.

  2. Susa sagt:

    Nebenanmerkung:

    “funktioniert mein Leben […] auf hohem Niveau”

    Was ein Leben auf höherem oder niedrigerem Niveau ist, muss der Einschätzung des Betreffenden selbst überlassen bleiben. Wenn ich lieber ganzjährig im Zelt wohne anstatt im gemütlich warm geheizten betreuten Wohnen, ist das erstere das höhere Niveau, egal wie sehr andere so was anders sehen.

    Leider werden genau solche Prioritäten gerne als Hinweis auf Geisteskrankheit gesehen und der Zirkelschluss ist los.

  3. Radiance sagt:

    Hallo Susa,
    der Artikel, von dem du schreibst, würde mich natürlich sehr interessieren. War es vielleicht der von Dagmar Brosey, den ich schon ein paarmal besprochen habe? Hier zu finden:
    https://www.bgt-ev.de/fileadmin/Mediendatenbank/Themen/Einzelbeitraege/Brosey/Aufsatz_Brosey_BtPrax_4-2010_mit_Bestell_gesichert.pdf
    Was du schreibst stimmt natürlich alles. Üblicherweise sind ja die Einweisungsgründe Dinge, die bei psychisch gesunden Menschen nichtmal besonders ungewöhnliches Verhalten wären (dreckige Wohnung, Alkohol, Herumreisen…). Bei der Fremdgefährdung stimme ich dir auch zu, selbstverständlich ist eine psychische Krankheit kein Grund, jemand anderes anzugreifen. Trotzdem ist bei psychisch Gesunden Polizeigewahrsam wesentlich kürzer als ein PsychKG und die Voraussetzungen deutlich höher.

    • Anonymous sagt:

      ja allerdings, für einen Anlass, wo bei jemand der als psychisch gesund gilt maximal ein paar Stunden Polizeiwache dabei rausgekommen wären, gibt’s in psychiatrischen Zusammenhängen drei Wochen Freiheitsentzug.

  4. Susa sagt:

    Zu dem Artikel, genau den meinte ich, Danke für den Link.

    “Stellt sich eine Erklärung im Hinblick auf
    die Ablehnung einer geschlossenen Unter-
    bringung des Betreuten als eigenverant-
    wortlich dar, so ist diese als Bestandteil
    der Selbstbestimmung des Betreuten zu
    akzeptieren und von dem Betreuer zur
    Geltung zu bringen. Der Betreuer muss
    aber auch noch überprüfen, ob die Er-
    klärung des Betroffenen auf die aktuelle
    Lebenssituation zutrifft und ob der Be-
    treute erkennbar noch an seiner Ver-
    fügung festhalten will (§ 1901 Abs. 3
    Satz 2 BGB). Auch hier ist es wiederum
    mçglich, dass der Betroffene seine Erklä-
    rung widerrufen hat (s.o.).
    Damit kann ein psychiatrisches Testa-
    ment auch eine Unterbringung durch den
    Betreuer/Bevollmächtigten ausschließen,
    wenn es auf einer eigenverantwortlichen
    Entscheidung beruht.”

  5. Radiance sagt:

    Ja, es ist aber noch anzumerken, dass Brosey der Meinung ist, man sollte eine Unterbringung wegen jeder Selbstgefährdung in einer Vorausverfügung ausschließen können. Sie bringt Selbstmordgefahr nur als äußerstes Beispiel:
    https://www.besserepsychiatrie.blog/2018/07/21/was-kann-in-einer-psychiatrischen-patientenverfuegung-abgelehnt-werden/
    Leider steht sie in der Fachliteratur damit ziemlich alleine da. Andererseits wirkt ihre Argumentation juristisch viel überzeugender als die andere Seite. Man müsste sich halt wirklich mit so einer Verfügung zum Bundesverfassungsgericht klagen. Ich habe mir schon ernsthaft überlegt, das selber zu tun, aber das hieße auch, ich müsste vermutlich sechs Wochen von der Arbeit weg. Außerdem könnte auch viel dabei schiefgehen.

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